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poetischer pfad nr. 9

im rahmen des „Literatur- und FilmHerbstes Rhein-Erft 2019“ fand am 1. September d. J. der „9. Poetische Spaziergang“ des Autorenkreises Rhein-Erft (ARE) von BM-Glesch bis zum Bedburger Schloss entlang der Erft statt. die pralle sonne war auch dabei. an schattigen stellen wurden kurze texte und gedichte zu dem thema „Grenzenlose Freiheit“ präsentiert.

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Kay Löffler las zu beginn aus seinem roman „Dorf der Wolkenmacher“ (2001), ein werk über die rebellion jugendlicher. hier ein auszug:

Plötzlich war etwas anderes zu hören: ein Signalton erklang, ein unheimliches Geräusch, ein lang gezogenes Tuten, das durch Mark und Bein ging. Dann wurde es still. … Innerhalb von ein, zwei Sekunden knallte es dreißig Mal. Rauchwolken stiegen auf, der Turm neigte sich zeitlupengleich zur Seite, fiel dann, wurde schneller und stürzte auf eine Gruppe Bäume. … Die Mutter legte ihren Arm um die Hüfte des Vaters. „Da wurde ich getauft“, flüsterte sie, „da haben wir geheiratet. Und meine Eltern auch.“ Auch Vaters Stimme klang ungewohnt:“Mein Großvater hat das Dach eingedeckt, nach dem Krieg.“ „Mama, du weinst ja …“, stellte Manuel fest.

und später im buch für die, die weiterlesen wollen:

„Wir werden unsere Lichtung räumen müssen“, erzählte Manuel. „Der komplette Wald wird gerodet“, ergänzte Marvin. Etwas Schlimmeres hätte man ihr kaum sagen können.

Löffler ergänzte seine lesung mit dem hinweis, die ersten besetzungen des Hambacher Waldes fanden zeitgleich mit einer lesung seines buches statt. der bezug zu den aktuellen protesten um diesen uralten Wald (auch „Bürge“ genannt) war offensichtlich und stellt somit auch die frage nach der grenze(nlosigkeit) der freiheit des protestierens. an anderer stelle folgte noch eine eher aufheiternde geschichte über verwickelte erlebnisse der postalischen art aus „Übergänge 20“ (2003). auch hier spielt die grenze als zu überwindende barriere eine formalistische und realistische rolle.

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Evert Everts, bekannt durch seine literarischen wanderbücher, wie die „Geheimnisvolle Eifel“ (2013), und organisator dieser poetischen wanderung an der Erft, las einige seiner gedichte vor. hier eines davon:

Begrenzter Einblick2

Der Terrassenblick
ins Meer,
begrenzt vom Felsengarten,
Horizont und schmiedeeisernem Tor,
Lavendel und Bougainvillea.

Hier lohnt es sich
zu verweilen
doch tritt nicht näher, Fremder;
Reichtum hat seine Grenzen.

subtil versteckt die erkenntnis, dass geldgier der investoren in form von hoteltürmen den schönsten ausblick vernichten kann. also die forderung: „tritt nicht näher, Fremder“ als erste abwehr. was aber, wenn der „Fremde“, fern einer ästhetischen empfindung obiger anschauung, wie sie einst Goethe besang, der aufforderung nicht folgt? wie ihn fernhalten? darf das grenzenlos geschehen oder gibt es ein menschenmaß, das trotz allem nicht überschritten werden darf? gibt es: die ethik!

die gemächlich dahinfließende Erft mit ihren Höckerschwänen und die schnurgerade asphaltieren wege mit ihren beflissen eiligen radfahrern illustrierten, umgeben von rekultivierten feldern des ehemaligen tagebaus, die ambivalenz des themas. die starre von grenzen und der flexibilitätsanspruch der freiheit.

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Gert Grünert ist ein lyriker, der seinen lesern einiges abverlangt. keine reimzeilung, keine knittelverse. lyrik, die auch die so unterbewerteten schriftzeichen und den umgebenden schreibraum mit in anspruch nimmt.

er ist bekannt durch seine gedichtbände „Flußschnellen“, „Flugrost“ und „Schneewächten“ mit dem zusatz: „und ihre Analyse“ im untertitel. in interpretierend meditativer weise werden die bedeutungsschichten der eigenen lyrik untersucht und vorgeschlagen. die leser/innen können zustimmen, widersprechen und angeregt weitersinnen. lyrik die anregt und nicht aufregt. Grünert trug eigens für den poetengang von ihm geschriebene gedichte vor.

Grenzenlose Freiheit (auszug)

Grenzen-ziehen/verwischen
Empfindungen/ überschreiten:
Aber:Grenzen!
…mischen?/weiten?
Grenzen bewahren…
Bewahren Grenzen?
Grenzen:aufheben!


Heben Grenzen- auf?-/-Wen denn? Wen dann?
Hebt Grenzen auf!

… selbst in Sentenzen…-wann. –irgend.- wo.
Grenzen.

Grenzenlose Freiheit.
Grenzenlose Freiheit.
Grenzenfreie Losheit
Freie Grenzenlosheit
Lose Grenzenfreiheit.

der anfang dieses gedichtes zeigt schon in seiner optischen zerrissenheit, wie sich die bedeutungsschichten des mottos „Grenzenlose Freiheit“ durch raffinierte wortspiele zerlegen lassen. noch in den punkten lauern die überraschungen und volten. eine „Grenzenlose Freiheit“ kann die realität meinen, aber auch die ideale bis hin zur völligen ungehemmtheit des verhaltens. die wortspiele deuten den punkt an, an dem im gesellschaftlichen diskurs wohlgemeintes in schlechtgemachtes kippt. der bezug zur baumbesetzerszene im Hambacher Wald ist naheliegend.

 

den abschluss der wanderung mit poesie bildete ein gang durch das Bedburger Schloss, was uns nach der intensiven sonnenbestrahlung alle herrlich abkühlen ließ,

denn die sonne des tages
war die ganze zeit hoch
interessiert mit dabei -
gab uns die sinnlichkeit,
die die worte brauchen,
um gehört zu werden.
in der kühle aber
kondensiert die poesie.

© 03.09.2019 brmu
fotos und texte mit erlaubnis der autoren:
1 Kay Löffler, Dorf der Wolkenmacher, engelsdorfer 2007, seite 41 und ergänzt: 62;
2 Elmar Ferber (hrsg.), 6 Richtige – Lyrik lebt, Bd. 2, ferber verlag 2005, darin: Evert Everts, seite 40;
3 gemäß manuskript des autors G. Grünert mit der speziellen schreibweise (inkl. …)

 

Kommentare 1

Gäste - Jutta Rumler am Montag, 09. September 2019 17:59

Das ist alles so plastisch und wunderbar beschrieben, dass man sich furchtbar ärgert, nicht dabei gewesen zu sein!

Das ist alles so plastisch und wunderbar beschrieben, dass man sich furchtbar ärgert, nicht dabei gewesen zu sein!
Gäste
Sonntag, 15. September 2019

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