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Polanders wahrscheinlichkeitsspekulationen

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© 2016/2019 foto: blogger B. R. M. Ulbrich im gespräch mit Rolf Polander

bislang ist Rolf Polander mit seinen publikationen hauptsächlich als lyriker aufgetreten. nun lockte die prosa und das gleich eindrucksvoll. die geschichten in seinem band „Wahrscheinliche und unwahrscheinliche Geschichten“ lesen sich eingängig.

gleich die erste „Geschichte vom Anfang aller Geschichten“ ist ein überraschender auftakt mit anklängen an die schöpfungs- und paradiesgeschichte. aber etwas stimmt nicht: alles stumm, keine geräusche, also auch keine sprache im garten Eden. mitten drin sitz ein alter knabe und simmeliert, was denn nicht klappt, als ihn ein Staubkorn (8) zum niesen reizt – und plötzlich ist alles anders.

denn nun sind auf einmal geräusche in der welt, und die sprache. sie sprudelt Eva nur so aus dem munde. das klischee weiblicher sprachbegabung wird dem autor verziehen. es folgt die botschaft expressis verbis: So kamen die Wörter in die Welt, … und weiter: … jedem neuen Wort, das geboren wurde, folgte ein Gegenwort, und indem sie all diese Wörter und Gegenwörter benutzten, lernten die Menschen das Lügen … und natürlich auch das Geschichtenerzählen. (10) wiedergutmachung: die passage darf auch als eine hommage an die frauen interpretiert werden, die uns allen das reden und geschichtenerzählen ermöglicht haben.

aber es gibt noch einen anderen aha-effekt zwischen den zeilen. aus einem letztlich nur linear-komplizierten weltmodell (metapher: tonlosigkeit) wird per zufall, durch eine winzigkeit (metapher: staubkorn), eine andere welt erzeugt. eine fluktuation (metapher: niesen) verwandelt die welt plötzlich und unvorhersehbar in eine nicht-linear-komplexe, in die unsrige. abgebildet finden wir das in der Chaos-Theorie, worin der schmetterlingsflügelschlag das staubkorn ersetzt.

so lauert in Rolf Polanders geschichten in und zwischen den zeilen der salto des cogito ergo sum. man muss eben auch selber denken beim lesen. wie es auch in der lyrik verlangt wird. dazu will uns die literatur immer wieder anhalten.

© 18.02.2019 brmu
Rolf Polander, Wahrscheinliche und unwahrscheinliche Geschichten, Shaker Media 2018

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Rolf Polander gab litbiss.de jüngst ein lückentex-interview, seine passagen im schrägdruck:

beim schreiben von gedichten/texten bekomme ich nichts von höheren mächten, göttern oder musen eingeflüstert. alles, was ich schreibe, entnehme ich meinem hirn. wie in diesem organ üblich, wird erlebtes und beobachtetes ebenso gesammelt, wie gelerntes und angelesenes, bis es schließlich in bruchstücken wieder ins bewusstsein zurückkehrt. solche plötzlich auftauchenden stücke dann im richtigen moment zu ergreifen, kann ein anstoß zum schreiben sein.

als autor reizt mich die möglichkeit, mit den von mir vorgelegten büchern ein paar unserer scheinbar festgelegten verhaltens- und denkkonventionen in frage zu stellen und zu zeigen, dass die möglichkeiten der wirklichkeit größer sind, als die meisten sich träumen lassen, die möglichkeiten der fantasie sind es ja ohnehin.

stets versuche ich so zu schreiben, dass in den texten auch das nicht-ausgesprochene, aber mitschwingende entdeckt werden kann..

mein literarisches lieblingsgenre ist an erster stelle die lyrik, dann kurze prosaformen und aphoristisches.

das buch „Wahrscheinliche und unwahrscheinliche Geschichten“ habe ich bei Shaker Media verlegen lassen, weil dort bereits zwei meiner gedichtbände erschienen sind.

das lektorat der insgesamt 29 texte auf 189 seiten war für mich absolut hilfreich und ich danke meiner lektorin für ihre mühe und ihre einfühlung in meine texte.

das thema „wahrheit“ löst in mir äußerste skepsis aus. ich glaube nicht an eine absolute wahrheit, sondern daran, dass es viele parallele wahrheiten gibt. allen diesen wahrheiten überlegen ist aber die poetische wahrheit.

bei der lektüre meiner gedichtbücher „Unnütze Gedichte“, „In Versen verzettelt“ und meinem jetzigen prosaband wünsche ich der leserschaft, dass es ihr ebenso viel vergnügen macht, meine bücher zu lesen, wie es mir vergnügen gemacht hat, sie zu schreiben.

über mich finden sie im literaturbetrieb wenig, weil ich nicht so gut vernetzt bin, wie ich es vielleicht sein sollte und auch sozialen medien misstrauisch gegenüberstehe.

ich engagiere mich in der regionalen literatur, indem ich in verschiedenen autorengruppierungen (VS , Autorengruppe FAUST, Autorenkreis Rhein-Erft, Lyrik in Köln, Kunstgeflecht) mitarbeite und dabei auch gelegenheiten zu lesungen wahrnehme, die sich mir bieten.

aktuell steht als nächstes buch wahrscheinlich wieder ein gedichtband an.

zum abschluss ist mir noch wichtig zu sagen, dass alles, was über ein werk zu lesen ist, mit vorsicht behandelt werden muss. um zu einem eigenen urteil zu kommen, sollte niemand darauf verzichten, das werk selbst zu lesen.

und litbiss.de ergänzt: das gilt auch für diese rezension und dieses interview!

© litbiss.de dank herrn Rolf Polander für die freimütigen antworten.

 

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