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Ralf Liebe im Gespräch

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© 2018 foto brmu: Ralf Liebe in seiner Druckerei

Anlässlich der Herausgabe der Lyrik-Anthologie Versnetze_13 war der Verleger und Drucker Ralf Liebe zu einem Interview bereit.

Herr Liebe, die neue Ausgabe der „Versnetze“ liegt als 13. Band druckfrisch aus Ihrem Verlag vor. Ist diese langjährige Anthologie-Reihe ein Lieblingsprojekt von Ihnen?

Nein. Ich arbeite seit über zweieinhalb Jahrzehnten mit Axel Kutsch zusammen. Zur Lyrik bin ich gekommen, weil Axel Kutsch die Lyrik liebt. Ohne Axel Kutsch keine Lyrikanthologien, eigentlich ganz einfach.

Die Lyrik hat es besonders schwer im gängigen Literaturbetrieb. Damit kann man wohl kaum großes Geld verdienen. Warum knien Sie sich da so hinein?

Ich empfinde es nicht so, als würde ich besonders viel für die Lyrik tun.

Mittlerweile verlege ich viel weniger Bücher, vielleicht noch so acht bis zehn im Jahr, zu meinen „Hochzeiten“ waren es mehr als doppelt so viele. Und dass ich immer noch relativ viel Lyrik verlege liegt in erster Linie daran, dass ich mit den meisten Autoren gerne mehr als einmal zusammenarbeite. Und da aus der Vergangenheit viele Lyriker dabei sind, sind eben auch noch einige Gegenwartsbegleiter.

Ihr Verlag und Ihre Druckerei sind langjährig ansässig in Weilerswist. Wie würdigt die Stadt Ihr Engagement für die regionale Literatur?

Meines Wissens nicht.

Was reizt Sie, auch den Druck der von Ihrem Verlag Ralf Liebe ausgewählten Werke z. T. persönlich zu übernehmen?

Ich bin aber ganz gut im Setzen, Drucken und Binden von Büchern. Die einzig richtige Bezeichnung, in der ich mich also selbst wiederfinde, für das, was ich hier mache ist Buchmacher. Ich produziere also Bücher, weil das meine eigentliche Profession ist.

Welchen Anspruch erheben Sie an die Produkte Ihrer Druckerei?

Möglichst guter Satz, möglichst guter Druck auf möglichst gutem Papier und zum Abschluss eine möglichst haltbare Buchbinderei. Und dass ganz zu einem möglichst überschaubaren Preis. Meist gelingt es allein deswegen schon nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, aber egal.

Was wünschen Sie sich von den Autor*innen, die Manuskripte bei Ihnen vorlegen, in der Hoffnung des Druckens und Verlegens?

Das Grundverständnis, dass die Arbeit eines Autors erst anfängt, wenn das Buch fertig produziert ist. Das Kreative, das Erschaffen eines Werkes, ist zunächst einmal ein unbezahlbarer Vorgang. Aber irgendwann wird aus dem Werk eben auch ein Produkt. Bei Unverkäuflichkeit wird aus dem Produkt, hinter dem das Werk steht, ganz profan Müll. Es gibt – auch in der Literaturszene – grandiose Selbstvermarkter, die mehr oder weniger Müll absondern, aber daraus ein verkäufliches Produkt machen. Und es gibt eben viele, bei denen das umgekehrt ist. So gut wie kein Künstler kann sich darauf verlassen, dass andere ihm in Gänze das Verkaufen abnehmen können.

Wenn ein Manuskript von Ihnen, resp. Ihrem Verlag ausgewählt worden ist, was dürfen Autor*innen sich dann darauf einbilden?

Kein Autor sollte sich etwas darauf einbilden, wenn sein Werk irgendwo verlegt worden ist. Dass er es dennoch tut ist menschlich und auch nicht verwerflich, aber eben nicht zielführend. Ich unterstelle zunächst einmal jedem Autor, dass er von sich dahingehend überzeugt ist, dass er etwas zu sagen hat und sein Ziel von daher auch ist, dass möglichst viele Leser von seiner Botschaft erfahren. Es wäre also von Nöten, dass die ganzen Schreibwerkstätten im Lande sich nicht nur um das qualitätsvolle Schreiben kümmern würden, sondern auch um den aktiven Beitrag des Autors zur Verbreitung – sprich dem Verkauf.

Was wünschen Sie sich von der Leserschaft Ihrer Bücherauswahl, die Sie auf Ihrer Homepage darstellen?

Im Schnitt lese ich ein Buch pro Woche, … in meinem ganzen Leben werde ich also vielleicht so 3000 bis 3500 Bücher gelesen haben. Jedes Jahr erscheinen im deutschen Sprachraum rund 70.000 belletristische Neuerscheinungen, von denen lese ich also weniger als 1 Promille. Und so ein Leser „verirrt“ sich nun also auf meine Homepage. Was soll ich ihm wünschen, was soll ich mir von ihm wünschen? Ich kann ihm eigentlich nur wünschen „Mach keinen Fehler mit Deiner Auswahl!“. Und mir kann ich wünschen, dass ich ihm mit „meinen“ Büchern bei der Fehlervermeidung geholfen habe.

Wie empfinden Sie die enormen Beschränkungen des kulturellen Lebens momentan aufgrund der Corona-Pandemie?

Für viele Künstler und Freiberufler sowie Selbständige: Existenzen gefährdend. Wir haben ein irres Glück, in diesem reichen und halbwegs sozialen Land während dieser seltsamen Pandemiezeiten zu leben. Das absolute Minimum an Essen, Trinken, medizinischer Versorgung sowie Schlafplatz wird jeder erhalten. Dreiviertel der Menschheit haben dieses Privileg der Sicherheit nicht. Das sollte sich jeder vergegenwärtigen. Es wäre ein mittelprächtiges Wunder, wenn alle Kreativen und Kulturschaffenden diese Krise als Soloselbständige überstehen und sie an ihre - schon vorher häufig prekäre – Arbeitssituation lückenlos anknüpfen können. Der Aderlass für die Kulturszene wird bedeutend sein und ich fürchte, dass die Nach-Corona-Zeiten deutlich weniger bunt und vielfältig sind. Das betrübt mich sehr, nicht nur, wenn ich mit diesem Unwissen an mich selbst als Kulturproduzent denke, sondern mich auch als bedürftigen Konsumenten sehe. Denn der Kultur bedarf es.

Ihr Verlag erscheint nicht als rühriger Akteur im etablierten Literaturbetrieb. Ihr Verlag ist eher den „Eingeweihten“ bekannt. Das erscheint mir wenig angemessen. Warum diese Zurückhaltung?

Die Form des „Erscheinens“ oder eben der Wahrnehmung ist nur sehr eingeschränkt steuerbar. Das ist ja auch einer der Gründe, warum es so viel mehr Werbeagenturen als z.B. Buchverlage gibt. Mit viel Geld für Werbung kann man vielleicht eine Weile dieses Wahrgenommenwerden etwas steigern, manchmal hilft einem auch das, was ich den Freakfaktor nenne. Da geht es dann nicht um die Kunst oder Kultur, sondern um das – vermeintlich? – Besondere, was der Mensch dahinter ist. Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Auftragsarbeiten für einen Verlagskollegen, eine Künstlermonographie, ein Erstlingswerk einer jungen Autorin und Malerin.

Können Sie sich vorstellen, Ihr profundes Wissen zur Buchherstellung Interessierten von Seminaren (z.B. bei „Zeit für Wissen“ in Köln) vor Ort anzubieten?

Kann ich mir nicht nur vorstellen, das mache ich hier vor Ort gerne und häufig …

Herr Liebe, das Alleinstellungsmerkmal Ihres Verlages, resp. Ihrer Druckerei, die nachvollziehbare, kreative Buchherstellung, möge sich kontinuierlich bei der Leserschaft herausstellen. Vielen Dank für dies Interview.

© 10.05.2020 brmu

 

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