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wellershoffgedenken

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30.09.2018 foto brmu: Dieter Wellershoff, eine skeptische wand-projektion von Peter Peitsch1 während der ansprache der Oberbürgermeisterin von Köln, Frau Henriette Reker

Dieter Wellershoff (*3.11.1925) war kein autor für die breite belletristik, eher sind seine werke der anspruchsvolleren literatenliteratur zuzurechnen. nach einem langen leben als privatmensch, als lektor, autor von essays, gedichten, erzählungen, novellen, romanen, ist er in diesem jahr am 15. Juni gestorben.

die stadt Köln richtet für ihren bekannten bürger eine gedenkfeier aus. es redet die oberbürgermeisterin, Frau Henriette Reker, und stellt ihn aus ihrer sicht dem anderen, berühmten sohn der stadt, Heinrich Böll, auf augenhöhe zur seite. die tochter, Frau Irene Wellershoff, schlägt einen großen, autobiografischen bogen über sein leben.

dann nähern wir uns seinem werk. Bernt Hahn liest beeindruckend aus Zwischenbilanz vor und schließt mit einem nachdenklichen gedicht: „Das Ich und seine Augenblicke2

„Die Jahre kommen und gehen
und der, den wir „ich“ nennen,
wechselt seine Gestalten,
immer bemüht auszusehen
als wäre er es: - …“

der komponist J. S. Sistermanns erzählt über seine freundschaft mit Wellershoff und ihre kooperation zu dem hörspiel Schneelandschaften, Schneestimmen, Schneegespenster aus dem jahre 1985. ein auszug lässt schnell erkennen, dass die konturenschwache, weiße schneelandschaft dem drehbuch-autor Wellershoff eine metapher für das leere, weiße blatt papier in seiner schreibstube ist. literatur ist wie die ansammlung schwarzer zeichen im weißen.

vor hellem hintergrund bildet das zentrum der veranstaltung eine gesprächsrunde mit personen, die im literaturbetrieb direkt mit Wellershoff zu tun hatten. die autorin Liane Dirks behauptet sich im männerclub der herren Thomas Böhm (ehemals leiter des Literaturhauses Köln), Werner Jung (germanist), Helge Malchow (verleger) und Hubert Winkels (kritiker) als moderator. (die titel lassen wir mal weg.)

alle skizzieren ihre erstbegegnung mit dem multitalent Wellershoff, meist war es in horizonterweiternder art. es wird bewundert, wie Dieter Wellershoff zuhören konnte, um dann punktgenau mit intelligenten und durchblickenden bemerkungen zu kontern, zu ergänzen, zu beraten, zu ernüchtern. dies gespräch unter dem schneeigen konterfei Wellerhoffs, auf die helle wand projeziert, war geeignet, die lieblingssichtweisen in der leserschaft zu variieren, denn in dem menschen Dieter Wellershoff steckte offenbar mehr, also nur eine vollendete rolle.

den ausklang im sinne des wortes bildet ein weiterer auszug aus dem hörspiel Schneelandschaften, Schneestimmen, Schneegespenster.

zum schluss liest Bernt Hahn mit seiner sonoren stimme auszüge aus Nachtspaziergänge, in denen Welllershoff beschreibt, wie er sich nach seiner täglichen schreibarbeit spät abends oder nachts in seinem viertel von Köln, er nennt es revier, bei spaziergängen lockert und erholt, natürlich nicht ohne danach seine beobachtungen und gedanken dazu niederzuschreiben, um sich dann spazierengehend zu erholen, dies niederzuschreiben ….

mit blick auf das publikum und seine grauweißmelierten haarprachten wird der schlusspunkt gesetzt mit dem rezitat des gedichtes Altwerden 3:

„Die Zeit ist dazu da,
daß das Leben stattfindet,
und alles hat seine Zeit: …

Eines der Kinder ruft aus einer fernen Stadt an,
es ist ein Mann.
Altern geschieht, als fände es gar nicht statt,
ist aber plötzlich doch geschehen
wie eine Betrug,
an dem man selbst beteiligt war,
als Betrüger und Betrogener,
und vor keinem Gericht
gibt es Gerechtigkeit. …

stille im publikum, obwohl über eine halbe stunde schon überzogen worden war. stille. denn das ganze gedicht von 1982 traf in unser herz. wir sind dankbar durch ein lebenshungriges Köln nach hause gegangen und gefahren.

© 01.10.2018 brmu
1 nach angabe gem. Kölner Stadt-Anzeiger v. 2.10.2018, M. Schwering: Ein fantasievoller Aufklärer
2 Dieter Wellershoff, Zwischenreich – Gedichte, Kiepenheuer&Witsch 2008, seite 67-68
3 daselbst, seite 58-60

 

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