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zerbrochener krug macht klug

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© 16.3.2019 foto brmu: ensemble RollenTausch auf der bühne1

zuweilen ist es so, dass man sich im freundeskreis längere zeit nicht sieht – und dann wieder und dann bleibt einem vor staunen die spucke weg. so geschehen am 16.3. in der aula der Theodor-Heuss-Schule in Rothenburg an der Wümme.

das große ensemble der Rotenburger amateur-theatergruppe RollenTausch unter der regie von Heribert Eigen hatte geladen: „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist – und wir saßen alle erwartungsvoll im zahlreich erschienenen publikum.

die aula war voll besetzt, wir mitten drin und dachten zwangsläufig an die eigenen schuljahre, an den deutschunterricht und seine pflichtlektüren, darunter natürlich Kleist. von ihm habe ich seinen aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" im kopf. an dem kommt man auch heute nicht vorbei, paradebeispiel dafür ist die politik, deren gedanken oftmals recht unverfertigt anmuten.

und man erinnerte sich an die laienspielschar in der eigenen schule, in der schülertalente entstanden oder auch vergingen. so wird es wohl auch heute sein, dachte man und war gespannt. und prompt trat ein musikalisches schüler-ensemble auf, bestehend aus drei violonistinnen und einer violoncellin. jeden bogenstrich erlebte ich körperlich mit, denn als schüler war ich selber im schulorchester und quälte meine geige in der zweiten stimme durch die partituren. sie aber, die vier mutigen auf der bühne, musizierten engagiert zum auftakt und erhielten anerkennenden applaus. und so war man nun eingestimmt.

aber dann kam es ganz anders! in einer bewundernswert professionellen aufführung wurden die schulischen erinnerungen hinweggefegt. es war fulminantes, mitreißendes theater auf der bühne der erwachsenen. an einem stück gespielt, konnten wir die Kleist-botschaft in wort und mimik der neun schauspieler/innen erleben. der zerbrochene krug als metapher für subtile vorteilsnahme oder gar korruption im öffentlichen leben.

der ledige dorfrichter Adam missbraucht sein amt, verspricht der in Ruprecht verliebten Eve, dass er die einberufung Ruprechts zum militärdienst verhindern könne, wenn sie ihm zu willen sei. das geplante „stelldichein“ scheitert, der richter Adam muss fliehen, dabei geht ein krug zu bruch. die nichts ahnende mutter von Eve, Liese, klagt nun gegen unbekannt – ausgerechnet bei dem zuständigen richter Adam. der will den verdacht von sich lenken und begeht massive fehler der einschüchterung und verdächtigung gegen Ruprecht. das fällt dem gerichtsrat Walter auf und er schreitet ein.

und die moral von der geschicht: /traue keinem richter nicht? nein, eher sollte es so heißen: und die moral von der geschicht: / korruption ist bei dir, dicht!

denn was ich nicht mehr behalten hatte: auch der gerichtsrat Walter, der im rahmen einer revision für „ordnung“ sorgen sollte, zeigt sich am schluss von der bestechlichen seite. man lese selber in dem erbaulichen und erstaunlichen stücke nach.

© 24.03.2019 brmu
1 das ensemble von links n. rechts: Jens Kramer (schreiber Licht), Bettina Renken (gerichtsrat Walter), Jürgen Cassier (dorfrichter Adam), Petra Vermehren (krugeigentümerin Marthe), Günther Köhnke (bauer Veit), Frederik Link (Ruprecht, sohn des baunern Veit), Lara von Spreckelsen (Eve, tochter von frau Marthe) und Christina Wedemeyer-Neumann (nachbarin Brigitte). Zum ensemble zugehörig, aber nicht in der szene: Elena Ried (dienerin Liese)

 

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Sonntag, 25. August 2019

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