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Uwe Timm meint ...

Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz, die jemand mitbringen muss, nicht die Radikalität und nicht die Verstörung, die Anlass für das Schreiben sind und nicht das, was man Phantasie nennt.

Ein Lob aber der Werkstattarbeit, den Verbesserungen und Änderungen. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen, Kritikern, Lektoren und Lesern. (135)

 

Nicht erlernbar wie Fakten zu Wissen, wohl war. Aber das Lernen geschieht durch die lebenslange Sozialisation zum Individuum in der Menge der Menschen, inklusive eines gehörigen Musenkusses. Was der bewirkt, soll genial sein. Also: Haltet eure Wangen hin. Ach, und noch eins: Es gibt natürlich auch einen Musa für die Wangen der weiblichen Schreibenden.

© 26.03.2020 brmu
Quelle: Uwe Timm, Montaignes Turm – Essays, Kiepenheuer&Witsch 2015, (Seitenangabe)

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Gsellas Poetik

Wenn du sagst, daß Zeit entleibt
und uns ins Vergessen treibt
wie ein Schwarzes Loch das Licht;

Wenn du sagst, wer schreibt, der bleibt,
doch sei wichtig, was er schreibt,
denn was bleibt, vergehe nicht:

Sollten’s eher trübe Tassen
dann nicht besser bleiben las-

© 19.03.2020 brmu
Quelle: Thomas Gsella, Papa-a? – Ja, mein Kind? – Die letzten Fragen der Menschheit, S. Fischer 2008, Seite 123

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Dem Künstler gebührt ....

…ein Künstler ist vor allen Dingen ein strenger Arbeiter und ein Geduldsmensch. Dabei spielt die so häufig aufgeworfene Frage, nämlich ob die Kunst zu einem hin- oder aus einem hervorkommt, eine kaum mehr als nichtige Rolle. Antworten, die nicht zu finden sind, soll man auch nicht suchen. Natürlich ist immer auch die Haltung bestimmend, aber auch diese Haltung unterscheidet sich in keiner Weise von der, die eigentlich jeder Mensch einnehmen sollte. Wir alle können doch nur dankbar für dieses Leben sein, und deshalb können wir im Grunde genommen gar nichts andres tun, als das, was wir auf dieser Welt erblicken und empfinden dürfen, auf unserer Weise, in nur leicht gewandelter Form, der Welt auch wieder zurückzuschenken.

Dem Künstler gebührt dabei nicht nur eine besondere Stellung, sondern ihm kommt auch die wichtigste Aufgabe zu, denn das, was er der Welt zurückgibt, wird ein Teil von ihr bleiben. Nur, um sich in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen, sollte er die Freiheit, die er sich erwählt hat, nutzen und sich, über alle persönlichen Grenzen hinweg, stetig ins Offene und Unwirkliche treiben lassen, denn nur dort schärft sich sein Blick, und nur dieser geschärfte Blick ist es, der die Dinge durchdringt und, unter Ausschluss des Verstandes, der Hand befielt, diese herrliche Willkür unserer Existenz auf einem blatt Papier oder einem Stück nachlässig aufgezogener Leinwand zu bannen.

Qed! Gilt sinngemäß auch für die Schriftstellerei.

© 22.11.2019 brmu
Zitat aus: Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand, berlin Verlag 2019, S. 163-164

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schreibwahn im kahn

Das Schreiben hat für mich
also ein bisschen etwas Wahnhaftes.1

mag sein
das schreiben sollt‘ haben
etwas zahnhaftes
mit biss wider das dummdümpeln
etwas kranhaftes
mit blick über die denkwüsten
etwas bahnhaftes
auf gutem weg in offene weiten
etwas planhaftes
einzuordnen das selberdenken
etwas schwanhaftes
damit die ästhetik nicht verkommt
das schreiben sollt‘ nicht haben
etwas tranhaftes
wider die verplemperung von zeit

das schreiben hat für mich
also auch ein wenig kahnhaftes
zu rudern in Heraklits strudeln
auf der suche nach einem kolk
zwischen front- und rückendeckel

© 26.09.2019 brmu
1zitate aus: Kölner Stadt-Anzeiger v. 24.9.2019: Petra Pluwatsch im Gespräch mit Romy Hausmann anlässlich der Verleihung des Crime Cologne Awards: „Schreiben hat etwas Wahnhaftes“

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Juli Zeh bekennt:

Beim Schreiben von Romanen gilt für mich immer: erst schreiben, dann denken. Wenn ich einen Essay verfassen würde, wäre der Weg umgekehrt: erst denken und dann schreiben.1

© 18.08.2019 brmu
1zitate aus: PSYCHOLOGIE HEUTE 8/2019, Jenseits von Erfolg und Reichtum - Anne Otto interviewt Juli Zeh

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ge dicht

Dicht verdichtet das Gedicht,
schützt den Kern vor bösen Sinnen.
Schale, wenn der Kern durchbricht,
weis‘ der Welt ein dichtes Innen.1

schlicht vernichtet das gedicht
was im kern ist wider sinnen
g‘rade, wenn der kern durchbricht
sieht die welt sein wichtig innen

© 09.08.2019 brmu
1zitate aus: Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte, Piper 2015, s. 63, gedicht ohne titel

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erkenntnisse über das prosaschreiben:

Erstens, Details sind nicht nur nicht egal, Details sind alles. Wenn … eine Einzelheit nicht stimmt, hat die Geschichte als Ganzes einen Fehler; die Welt, die sie aufzubauen vorgibt, ist in sich nicht schlüssig. (132)

Prosa hat mit Sätzen zu tun, erzählende Prosa aber immer auch mit Bildern. Ein ganz und gar bildloses Erzählen, das wäre selbst als radikales Experiment gar nicht vorstellbar. Es geht also darum, diese Bilder zu sehen. (133)

Und seltsamerweise sind dann auch viel weniger Beschreibungen nötig, man kann im Visualisieren sparsamer sein als die so an Kleidung, Haartracht und Gesichtszügen interessiert Trivialliteratur, bei der es ja immer darum geht, die Beschreibung zunächst möglichst ausführlich zu erledigen, damit der Autor sich dann ungestört den Ereignissen widmen kann.

Also, die zweite ist ganz einfach. … Gute Literatur, …, müsse notwendig sein, sie müsse ein Element des Notwendigen haben…. Es muss immer ein Element existentieller Wahrheit geben, eine Berührung mit den Grundtatsachen unseres Daseins. Sie muß etwas über uns als Menschen sagen und über mich als den Schreibenden. (135)

Und drittens, … Ein Schriftsteller, …, schließt einen Pakt mit seinem Unterbewußten ab. Du, …, wirst jeden Tag aus deinen unergründlichen Tiefen irgendwelche Einfälle zutage fördern. Ich aber tue die eine Sache, die ich dazu tun kann, ich werde dasein. Ich werde täglich am Schreitisch sein und auf die warten. (135)

ich fasse mal zusammen: 1. detailtreue bildmächtigkeit / 2. relevanz für / resonanz mit der leserschaft / 3. passion zum kreativitätsfang

Ich fand Literatur immer am faszinierendsten, wenn sie nicht die Regeln der Syntax bricht, sondern die der Wirklichkeit. (137)

also noch viertens: kaleidoskop als anstoß zum selberdenken

© 23.07.2019 brmu
1zitate aus: Daniel Kehlmann: Lob über Literatur, Rowohlt 2010, seiten 132 -135

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lyrik: ideale literaturgattung

der Kölner Stadt-Anzeiger hat im jahre 2018 der lyrik eine bresche geschlagen mit der serie „Mein Kanon“. redaktionsmitglieder waren gebeten, ihre lieblingsgedichte zu erläutern. Anne Burgmer zog nun bilanz. daraus ein paar bemerkenswerte auszüge:

In unserer schnelllebigen Zeit, in der unserer Aufmerksamkeitsspanne angeblich kürzer ist als die eines Goldfischs, sind Gedichte eigentlich die perfekte Literaturgattung. … Manche kulturelle Bildungslücke lässt sich nur mit sehr viel Zeit schleißen. Gedichte machen es uns da leichter. … Gedichte sind zwar kleine Diven, die unserer Aufmerksamkeit einfordern, aber sie zwingen uns nicht zu einer stundenlangen Beschäftigung mit ihnen. Sie laden dazu ein. … Worte sind mächtig, ihre Verwendung beeinflusst unser Denken. Doch wir gehen im Alltag oft sehr lieb- und gedankenlos mit Sprache um. Auch da können Gedichte helfen, den Blick zu schärfen. … wer sich auf die Gattung [Lyrik] einlässt, hat einen wahren Schatz gefunden.“

was soll man da noch hinzufügen?

das ist keine scherz
jedes wort weckt,
jeder satz hackt,
jede strophe trackt
dein hirn und herz

© 31.12.2018 brmu
1zitate aus: Kölner Stadt-Anzeiger vom 31.12.2018, Kultur Seite 21, Anne Burgmer, „Manchmal Stiefkind, manchmal Diva“; mit erlaubnis der journalistin vom 10.1.2019 zitiert

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spruch75

wer glaubt,
ein dichter dichtet,
der glaubt auch, dass
ein schriftsteller
schriften stellt

© 19.09.2018 brmu

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metaduft der zwiebel

Grundsätzlich ist bei literarischen Texten von einer Vieldeutigkeit, einer grundsätzlich polysemen Struktur auszugehen. Hierüber entwickelt sich im Sinne von Frage und Antwort der produktive und im besten Falle dynamische Diskurs – und zwar zwischen Text und Leser.

In der scheinbaren Abwesenheit kohärenter Sinnkonstitution erzeugt ein Text, ob Lyrik, Prosa oder Drama, seinen eigenen Metatext, der sozusagen hinzugelesen wird und in literaturtheoretischen und –historischen, in ästhetischen und literaturpraktischen Debatten sehr schnell den Fokus der Auseinandersetzung bildet, hinter dem der gestaltete >eigentliche< Text verschwindet.

© 04.09.2018 brmu
gelesen in: Michael Lentz, Textleben – Über Literatur …, S.Fischer 2011, s. 25/26

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argwohn wider die literatur

Ich beargwöhne die Literatur, ja sogar die ziemlich präzisen Leistungen der Dichtung. Der Akt des Schreibens erfordert immer ein gewisses >Opfer des Intellekts<.  Man weiß zum Beispiel wohl, daß die Bedingungen der literarischen Lektüre unvereinbar sind mit einer äußersten Präzision der Sprache. Der Intellekt fordert gern von der Alltagssprache Vollkommenheiten und Reinheiten, die außerhalb ihrer Möglichkeiten sind. Aber selten sind die Leser, die ihr Vergnügen nur mit gespannten Geisteskräften finden. Wir gewinnen die Aufmerksamkeit einzig dank einiger Kurzweil, die wir bereiten; und diese Art von Aufmerksamkeit ist passiv.

© 27.08.2018 brmu
1zitat: Paul Valéry, Herr Teste, Suhrkamp 1965, Bibliothek Surhkamp Bd. 162, 8

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Bakker: schreiben muss versehentlich geschehen

der niederländische autor Gerbrand Bakker wohnt in der Eifel, betreibt einen eigenen blog und lässt sich in die schreibkarten schauen:

I.         Gestern habe ich das erste Stück Terrasse gepflastert, und das ist nicht einfach, weil die Steine unterschiedlich große sind. Heute wieder ein Stückchen, und morgen und übermorgen. Nicht zu eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, immer soll etwas liegenbleiben. In gewisser  Hinsicht wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen. Jahrelang bin ich bei Lesungen nach Gemeinsamkeiten zwischen dem Gärtnern und dem Schreiben gefragt worden. Viel mehr, als dass man im eigenen Text „nach Herzenslust jäten, schneiden und sägen“ könne, fiel mir nie ein. In Zukunft könnte ich noch hinzufügen, was ich hier über das Liegenlassen geschrieben habe.

II.        Viel offensichtlicher als eine Gemeinsamkeit zwischen Schreiben und Gärtnern ist in meinem Fall die Analogie zwischen Eisschnelllaufen und Schreiben. In dem Sinne, dass es mir unbeabsichtigt gelingen muss. Ich darf mit nichts rechnen, muss mit den Gedanken woanders sein, darf nicht das Buch der Bücher schreiben wollen. Im Grunde darf ich gar kein Buch schreiben wollen. Es muss versehentlich geschehen.

© 05/07.08.2018 brmu
aus: Gerbrand Bakker, Jasper und sein Knecht, Suhrkamp 2016,
zitat I von seite 240
zitat II von seite 306 (schrägdruck im original)

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Rafik Schami sagt:

                                      Wenn ein Ro-
mancier anfängt zu schreiben, er-
hebt sich ein Puzzlebild – aus sei-
ner Seele, seinen Gedanken, sei-
nen Erfahrungen und Träumen,
Ängsten und Hoffnungen beste-
hend - in die Luft wie ein fliegen-
der Teppich, und mit dem ersten
Satz zerfällt das Bild in tausend-
undein Puzzleteil, die sich in der
Seele der Protagonisten sammeln.
Da mehr, dort weniger. Unabhän-
gig vom Geschlecht der Helden.

© 23.07.2018 brmu
1zitat aus: Kölner Stadt-Anzeiger v. 23. Juli 2018, Angela Sommersberg im gespräch mit Rafik Schami anlässlich der verleihung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises an ihn aufgrund seines romans „Sami und der Wunsch nach Freiheit“.

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die zehn gebote

42 Autor/innen wie Ulrike Draesner, Thomas Glavinic, Ulla Hahn, Michael Krüger, Dagmar Leupold, Harald Martenstein, Eva Menasse, Sten Nadolny, Ingrid Noll, Andrea Maria Schenkel, Kathrin Schmidt, Peter Stamm, Ilija Trojanow, Juli Zeh, sie alle verraten in einem kleinen, geheimen büchlein1 ihre zehn schreibgebote, mal im ernst, mal mit augenzwinkern. ich füge meine im halbvollen besitze meiner schwachen kräfte hinzu und vermute hiermit, sie ab und an zu befolgen:

  1. wem ich schreibe, das geht euch gar nichts an.
  2. was ich schreibe, das ist auf meinem mist gewachsen.
  3. wie ich schreibe, das geht auf meine weise.
  4. wo ich schreibe, das ist meine angelegenheit.
  5. wann ich schreibe, das soll euch nicht jucken.
  6. wieso ich schreibe, das binde ich euch nicht auf die nase.
  7. weshalb ich schreibe, das soll euch egal sein.
  8. warum ich schreibe, das geht nur mich ‘was an.
  9. wofür ich schreibe, das ist meine sache.
  10. woran ich schreibe, das werdet ihr schon sehen.

© 10.07.2018 brmu
1bezug: Zehn Gebote des Schreibens, DVA Verlag 2011

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der erste satz sitzt oder nicht

wahrlich, ich sage euch
der erste satz
wird nicht am end‘ geschrieben
nein, motor ist er für die wilde
fahrt durch den fluss der sätze
und beim letzten dann
geht’s auf neuanfang

„Camus hat mit seinem zwanghaften, nicht zu entmutigenden Autor wohl nicht vorrangig eine im Perfektionismus wurzelnde Schreibhemmung darstellen wollen, sonder die heroische und absurde Existenz eines Schriftstellers, der inmitten einer allgemeinen Kataststrophe wie der Pestepedemie an einem Ideal der Vollkommenheit festhält. … Wahrscheinlich deutet man Grands* Versagen sogar richtig, wenn man ihm unterstellt, er habe keine Vorstellung vom möglichen Fortschreiten des Textes gehabt oder sie sei so schwach gewesen, daß sie ihm über seinen Basteleien am ersten Satz verlorenging. So konnte dann auch dieser Satz keine notwendige, einleuchtende Form gewinnen. Denn ob ein erster Satz gelungen ist, zeigt sich nicht nur an ihm selbst, sonder an dem Werk, das aus ihm hervorgeht oder zumindest in ihm angetönt wird. Ein Anfang ist nur ein Anfang und muß als solcher beurteilt werden, also auch von dem her, was ihm folgt.“

aus: Dieter Wellershoff, Der Roman und die Erahrbarkeit der Welt, Kiepenheuer&Witsch 1988, essay „Anfangen zu erzählen und zum Ende kommen“ (477-519), hier: seite 483

*der autor Grand in dem roman von Albert Camus, Die Pest, als beispiel für den gescheiterten „ersten satz“.

© 10.07.2018 brmu

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