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der erste satz sitzt oder nicht

wahrlich, ich sage euch
der erste satz
wird nicht am end‘ geschrieben
nein, motor ist er für die wilde
fahrt durch den fluss der sätze
und beim letzten dann
geht’s auf neuanfang

„Camus hat mit seinem zwanghaften, nicht zu entmutigenden Autor wohl nicht vorrangig eine im Perfektionismus wurzelnde Schreibhemmung darstellen wollen, sonder die heroische und absurde Existenz eines Schriftstellers, der inmitten einer allgemeinen Kataststrophe wie der Pestepedemie an einem Ideal der Vollkommenheit festhält. … Wahrscheinlich deutet man Grands* Versagen sogar richtig, wenn man ihm unterstellt, er habe keine Vorstellung vom möglichen Fortschreiten des Textes gehabt oder sie sei so schwach gewesen, daß sie ihm über seinen Basteleien am ersten Satz verlorenging. So konnte dann auch dieser Satz keine notwendige, einleuchtende Form gewinnen. Denn ob ein erster Satz gelungen ist, zeigt sich nicht nur an ihm selbst, sonder an dem Werk, das aus ihm hervorgeht oder zumindest in ihm angetönt wird. Ein Anfang ist nur ein Anfang und muß als solcher beurteilt werden, also auch von dem her, was ihm folgt.“

aus: Dieter Wellershoff, Der Roman und die Erahrbarkeit der Welt, Kiepenheuer&Witsch 1988, essay „Anfangen zu erzählen und zum Ende kommen“ (477-519), hier: seite 483

*der autor Grand in dem roman von Albert Camus, Die Pest, als beispiel für den gescheiterten „ersten satz“.

© 10.07.2018 brmu

 

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