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Wenn er schrieb ...

Wenn er schrieb, fühlte er etwas Auszeichnendes, Exklusives in sich; wie eine Insel voll wunderbarer Sonnen und Farben hob sich etwas in ihm aus dem Meere grauer Empfindungen heraus, das ihn Tag um Tag kalt und gleichgültig umdrängte.

Der junge Törleß schreibt im Internat mittels Briefen gegen sein Heimweh an,
viele Schriftsteller*innen tun das heute noch gegen ihr Seinsweh in der Welt.

© 30.06.2020 brmu
Quelle: Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, rororo TB 2009, Seite 9

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Kommissar Dupins Metapher

Dupin mochte diese verrückte alte Dame, in deren Kopf alles verrutschte, sich verband, was nicht zusammengehörte, sich neu zusammensetzte, auf willkürlich Weise. Für sie selbst war es eine geschlossene Welt – ihre Welt. Dupin wäre einverstanden, wenn er am Ende seiner Tage ebenfalls in seiner eigenen Welt verloren ginge.

Eine kurz reflexive Passage in einem Krimi – wie ein Wortbild, das aus dem Zusammenhang drängt als eine schöne Metapher für die alte Dame Literatur, in der sich die Autor*innen selber verlieren am Ende ihrer Tage. Und die Leser*innen Tag für Tag.

© 24.06.2020 brmu
Quelle: Jean-Luc Bannalec: Bretonische Spezialitäten – Kommissar Dupins neunter Fall, Kiepenheur&Witsch 2020, Seite203

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Lec's Tipps für Schriftsteller

Guter Rat für Schriftsteller: Im gewissen Augenblick zu schreiben aufhören. Sogar, bevor man angefangen hat. (S. 43)

Romanschriftsteller: einer, der aus Feigheit seine Gedanken in fremden Köpfen versteckt. (S. 175)

Von der Mehrzahl der Werke bleiben nur die Zitate übrig. Ist es denn nicht besser, von Anfang an nur die Zitate aufzuschreiben. (S. 193)

Präzises Denken ist eine Einschränkung der schöpferischen Freiheit. (S. 259)

Leicht verständliche Werke sind oft gerade deshalb mißverständlich. (260)

Die meisten Schriftsteller sind Autobiographen, die allerdings ein Leben erzählen, das sie nie gelebt haben. (264)

Die Wortkünstler möchten begreiflicherweise das Wort zu einer solchen Perfektion entwickeln, daß es jegliche Bedeutung verliert. (282)

Literatur muß man kreieren, nicht sozrealisieren. (288)

---

im topf der wörter
brodelt viel zu viel
das will doch raus
sei’s auch zum graus
der leserschaft

© 21.04.2020 brmu
Quelle: Stanislaw Jerzy Lec: Sämtliche unfrisierte Gedanken, Zweitausendeins (o. Jahrgang), Lizenzausgabe Hanser Verlag 1996

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... gegen das Leben selbst?

Er hob den Blick und lächelte. „So mache ich es schon, seit ich denken kann. Lesen und Schreiben, die einzigen Mittel gegen die Angst und gegen die Bedrohungen des Lebens, vielleicht sogar gegen das Leben selbst.“

 

ich heb den blick und fächele
mir den lebensmut zu gegen die
unwirsche wirklichkeit mit den
seiten meiner manuskripte

© 12.04.2020 brmu
Quelle: Rolf Lappert: Der Himmel der perfekten Poeten, dtv 2010, dtv TB13935, Seite 259

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von Düffel gelesen

Alles, was ich zu sein glaube, ist Fiktion. (31)

Jeder Mensch ist der Autor und erste Leser seiner eigenen Geschichte.(31)

Das ist ein unausweichlicher Prozeß, der im übrigen die Illusion des authentisch Autobiographischen völlig zunichte macht, denn beim Erzählen werde ich jemand, ich produziere mich als Erzählfigur und entwerfe ein bestimmtes Bild von mir. (31)

Das heißt also, während wir einen Brief verfassen, einen Roman schreiben, unsere Lebensgeschichte erzählen, passiert etwas mit uns, eine Verwandlung. Wir können gar nicht umhin, uns zu erfinden. Im Erzählen, im Spiegel unserer Sprache entwerfen wir eine Figur, mit der wir nicht identisch sind. (32)

Jede autobiographische Äußerung spielt unweigerlich hinein in die Auto-Fiktion. (33)

Wer hat eigentlich die Autorität über die Interpretation dieser Geschichte, ist es der Autor oder der Leser? (37)

Ich bin kein Freund des rein Autobiographischen, weil meines Erachtens das Entscheidende an einem guten Buch, an einem Kunstgewerk nicht nur ist, daß es Erfahrungen beschreibt, sondern daß es in gewisser Weise auch Erfahrungen hervorbringt. Das heißt, ein großer Roman besitzt nicht nur einen reichen Erfahrungsgehalt, er konstituiert Erfahrung. Der Prozeß, ihn zu lesen, ist gleichsam ein Prozeß, ihn zu leben. Ein guter Roman nimmt seine Leser mit auf eine Reise, sie verändern sich im Lesen, bekommen einen andern Blick auf sich und die Welt. (38/39)

In meinen Augen ist das ein Kriterium für ein reiches, gutes Leben und einen reichen, guten Roman, daß darin ein Prozeß der Veränderung sichtbar, spürbar, erfahrbar wird. (39)

Es drängen sich Fragen auf:

War letzteres nicht ein Teil der Definition einer Novelle: Lebenssituation – Krise – Wendepunkt – Katharsis - neue Lebenssituation?

Warum ist die Novelle so unterrepräsentiert im Literaturbetrieb?

Hat John v. Düffel Novellen geschrieben?

Warum stürzen sich alle auf Romane?

Wird da vielleicht auch gerne schwadroniert und illusioniert und das Einfache breitgewalzt in tausenden von Worten?

Kann sein, denn die Novelle ist eine kurze Angelegenheit in Ortheils Lesekapsel.

© 25.03.2020 brmu
Zitate aus: John von Düffel, Wovon ich schreibe, DuMont 2009 (Seitenangabe)
Lesekapsel: Hanns-Josef Ortheil, Lesehunger, Luchterhand2009, S. 10

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Aufruf u.A.w.g. von Chr. Meckel

Davon ausgehend
daß die Materie erhalten bleibt und nicht verwechselt wird mit Utopie oder Lyrik

alles in allem davon ausgehend
daß der Mensch die Krone der Schöpfung ist und nicht verwechselt werden kann mit Schwein, Laus oder Affe -
Licht der Welt! Um Antwort wird gebeten.

wie dumm
dunkelheit
ist stumm

© 24.03.2020 brmu
Quelle: Wolfgang Matz (Hrsg.): Christoph Meckel, Tarnkappe – Gesammelte Gedichte, Hanser 2015, Seite 726/727 (Auszug)

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Stille, wo bis du hin?

Ländliche Stille gibt es nicht mehr. Sie ist in Verkehr und Tourismus verlorengegangen, in der Technisierung der Landwirtschaft, in Verfall und Zersiedelung … . Sie wurde besinnungslos zugrunde gerichtet, vom nervösen … Fortschrittstempo verschluckt, dem Profit … zum Opfer gebracht. (73/74)

Ist einmal Stille zu hören und auch zu sehen, geschieht einen Tag lang nichts, was die Sinne verstört, kann man sicher sein, daß die Lärmgewalt wieder losbricht, an unerwarteter Stelle, mit neuen Maschinen, in absurder Absicht, auf unabsehbare Zeit. Aber tief im Winter, … - dann entsteht eine Stille ohne Vergleich, lautlos wie Licht und Zeit, bei Tag und bei Nacht … - dann bricht, für wie lange, ein Stille aus, von der man behauptet, sie sei einmal immer gewesen. (75/76)

 

und nun fallen die Winter aus
bei Tag und bei Nacht
die Stille kracht zusammen

© 23.03.2020 brmu
Quelle: Christoph Meckel, Ein unbekannter Mensch, Hanser 1997, (Seitenangabe)

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Meckels Mirakel

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Ihr Brüllen wird hörbarer jeden Tag.

das tod der vernunft
ist das ungeheuer
kein brüllen mehr in
der menschenleere

© 21.03.2020 brmu
Quelle: Christoph Meckel, Ein unbekannter Mensch, Hanser 1997, Seite 26

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isnich

Man kann nur nicht denken, aber nicht nichts.

is‘ so:
wenn man
schier in gedanken
vermeint zu denken,
dass man dächte,
denken zu können,
dann muss klar sein:
das nichts zu denken
is‘ nich‘

© 10.03.2020 brmu
Quelle: John von Düffel: Der brennende See, DuMont 2020, Seite 240

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Bürge für Würde

Die Würde jedes Einzelnen ist heilig und muss uns heilig bleiben. Damit der Rassismus keine Chance hat in unserem wundervollen Staat, und damit wir endlich so leben können, wie wir es lieber haben: einzeln, frei wie ein Baum - und geschwisterlich wie ein Wald.
(Renan Demirkan)

an alle würdigen

würde – äh, wat is dat denn jitz?
juristenschnack vor der rampe?

würge jetzt nicht die plattitüden
aus deinem karnevalshirn - die

hürde all deiner denkbremsen,
die wäre zu überspringen!

bürge(r*in) sind wir nur per zufall
in diesem unsern freien staat

küre nicht den heimatkitsch
als grenzkontrollengrund

schüre nicht den blöden hass
zum straßengröhler-spass

führe den finger an die stirn
weil dort die gründe sind

spüre den schweiß der idioten
vom brüllen der parolen

schüre nicht das feuerglimmen
ein hauch nur brennt uns alles ab

schnüre deine springerstiefel auf,
denn in schuhen läuft sich’s besser

küre dich zum nachbarsfreund,
der seine nächsten menschen mag

würde – esu hörens, dat is effe so:
nett sin, sit esu jot und dot dat - und die

türe geht auf und das licht erhellet dich:
rassissmus ist nur dumme fiktion

© 24.02.2020 brmu
„Bürge“: dem Sinne nach analog §765 BGB

Quelle des Zitates: Kölner Stadt-Anzeiger vom Rosenmontag, den 24.2.2020, Gastbeitrag von Renan Demirkan: Schluss mit Leugnen und Wegsehen!

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Adorno's Hinweise schon 1967

Man hört ja sehr oft, …, die Behauptung, es gebe so einen Bodensatz von Unbelehrbaren oder von Narren,…, in jeder Demokratie. … Ich glaube, man kann darauf nur antworten: Gewiß sei in jeder sogenannten Demokratie auf der Welt etwas Derartiges in variierender Stärke zu beobachten, aber doch nur als Ausdruck dessen, daß dem Inhalt nach, dem gesellschaftlich-ökonomischen Inhalt nach, die Demokratie eben bis heute nirgends wirklich und ganz sich konkretisiert hat, sondern formal geblieben ist. Und die faschistischen Bewegungen könnte man in diesem Sinn als die Wundmale, also die Narben einer Demokratie bezeichnen, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute noch nicht voll gerecht wird. (18)

Jede Menge Entwicklungsbedarf für das demokratische Selbstverständnis – auch heutzutage.

© 12.11.20198 brmu
aus: Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, Suhrkamp 2019, Seitenangabe in Klammern

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Berkel: Wirklichkeit = Konstrukt

Wirklichkeit ist eine auf die vorgefundenen Tatsachen bezogene Interpretation, …, ein Konstrukt.

Notgedrungen, da die Wirklichkeit nur über die eigenen Sinne, über die Verarbeitung jener Sinneseindrücke im eigenen Gehirn erfahren werden kann. Diese Erfahrung ist im Grunde immer ein Konstrukt, das sich, gepaart mit den Konstrukten anderer, nur über die gemeinsamen, vermeintlichen Schnittstellen zu einer allgemeinen Weltvorstellung verbindet. Die wiederum changiert über längere Zeiten, wenn sich die Interpretationen der Sinneseindrücke verändern. So kommt man von der platten Erdscheibe im Zentrum, zur Erdkugel, zum Planeten im Sonnensystem, zur Randerscheinung im Universum. Eine permanente Relativierung, ja Marginalisierung des menschlichen Egos. Das tut weh, ergo wird verdrängt, was das Zeug hält, auch mit Gewalt.

© 05.11.20198 brmu
aus: Christian Berkel, Der Apfelbaum, Ullstein TB 06086, 2019, S. 214

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Don DeLillo und Gedichte

Er versuchte, sich in den Schlaf zu lesen, wurde aber nur ruheloser. Er las Wissenschaftliches und Lyrik. Er mochte karge Gedichte, die minuziös ins Weiße platziert waren, ins Papier gebrannte Reihen alphabetischer Anschläge. Gedichte machten ihm bewusst, dass er atmete. Ein Gedicht legte Dinge im jeweiligen Augenblick offen, auf deren Wahrnehmung er normalerweise nicht vorbereitet war. Darin lag die Nuance jedes Gedichts, zumindest für ihn, nachts … (15)

Er schmökerte immer in dünnen Büchern, einen halben Finger breit oder weniger, und wählte Gedichte zum Lesen nach Länge und Breite aus. Er suchte nach Gedichten von vier, fünf, sechs Zeilen. Er analysierte solche Gedichte genau, dachte sich in jede Andeutung hinein, und seine Gefühle schienen in dem weißen Raum um die Zeilen herumzuschweben. Es gab Zeichen auf den Seiten und es gab die Seite selber. Das Weiße war lebenswichtig für die Seele des Gedichts. (72)

wem sagt er das
atmen im bunten bett
weg die welt die wilde
und der augenblick
im dürren versgeäst
wem sagt man das

© 14.10.20198 brmu
aus: Don DeLillo, Cosmopolis, Kiepenheuer & Witsch 2003

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wahrhaft - oder?

… in einem Roman geschieht nur, was sich die Figuren wahrhaft verdient haben.1

was ist in der fiktion,
von autors schreibewahn
in jedem buchroman,
aber nun „wahrhaft“ schon?

ach! mir fehlt der glaube
was an wahrheit hafte
man real betrachte?
echte philoschraube

ich hör‘ die these wohl
allein, mir fehlt der mut
zu seh’n den andern pol

das wahrhaft faktisch ist
in fantasienglut
von autors schreiberlist

© 02.10.2019 brmu
1 aus: Burkhard Spinnen: Und alles ohne Liebe, Schöffling&Co. 2019, Seite 106

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ein jahr ohne männer ...

Ich schlage ein Spiel vor: das des >Jahres ohne Namen<. Ein Jahr lang soll man alle Bücher ohne Autorennamen veröffentlichen. Die Kritiker hätten mit einer rein anonymen Produktion klarzukommen. Aber vielleicht – wenn ich es mir recht überlege – hätten sie ja nichts zu sagen: Alle Autoren würden das nächste Jahr abwarten, um ihre Bücher zu publizieren. (8)

… und die autorinnen hätten ein jahr eine konkurrenzlose situation, für die leser/innen eine gute chance, ihre aufmerksamkeit neu zu justieren.

© 24.09.20198 brmu
aus: Peter Gente et al. (Hrsg.): Short Cuts Reihe, ZWEITAUSENEINS, Bd. 3 - darin: Michel Foucault, Short Cuts 3, ZWEITAUSENDEINS 2001

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faulheit + feigheit ≠ aufklärung

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, …, gern zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.

 

der Kant gibt uns die kante
zum einen faule wampe
und zum andern feiger arsch
sind zwei dieser gründe, barsch
die heut‘ es leichter machen
menschenmaß zu verlachen
aufklärung, was soll das sein
für das twitter-hirn ‘ne pein
trampeltramp ist davon frei
legt uns noch ein fakenewei

© 18.09.20198 brmu
aus: Immanuel Kant, Was ist Aufklärung, Philosophische Bibliothek Bd. 512, Felix Meiner Verlag 1999, Seite 20ff.

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mythos

Gleichzeitig hat das Fernsehen den Status eines >Mythos< im Sinne von Roland Barthes erreicht. Barthes versteht unter Mythos eine Form von Weltverständnis, die unproblematisch ist, deren wir uns nicht völlig bewußt sind, die uns, um es mit einem Wort zu sagen, natürlich erscheint. Ein Mythos ist eine Denkfigur, die so tief in unserem Bewußtsein verankert ist, daß sie unsichtbar wird. So verhält es sich heute mit dem Fernsehen. (100/101)

Wie es nirgendwo sonst auf der Welt geschehen ist, haben die Amerikaner alles dafür getan, das Zeitalter des langsamen gedruckten Wortes zu beenden, und dabei haben sie dem Fernsehen die Vorherrschaft über ihre sämtlichen Institutionen eingeräumt. Amerika hat das Fernsehzeitalter eingeläutet und damit der Welt den Ausblick in eine Zukunft im Zeichen Huxleys eröffnet, wie man ihn klare rund anschaulicher nicht finden wird. (190)

 

oh Neil, du bist zu früh gestorben, hättest sonst die steigerung vom tv zum inter-einfang-netz noch erleben können. diese handaltare für die atavare, für das wischen mit dem finger, das kreiseln der daumen, das wummern in den kopfhörern, das autistische wegdammeln aus der realität in der was-weiß-ich-für-eine-bahn. schlimmer geht immer, so sagen wir sogar im film.

© 11.09.2019 brmu
aus: Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, S. Fischer 1985

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Eckys zwei leben

Jeder Mensch hat ja zwei Leben. Und das zweite beginnt, wenn man kapiert, man hat nur eins. … Prioritäten verschieben sich, der Wert von Zeit; und ich entdecke eine ungeahnte Freude daran, andere zu inspirieren, etwas anzustoßen und weiterzugehen.

was aber nun
wenn er nichts kapiert
der zweilebige mensch
weiter vor sich hinsuhlt
und von der ewigkeit
schwadroniert, ist dann
guter rat geheuer

© 09.09.20198 brmu
aus: KSTA v. 9.9.2019, Joachim Frank im Gespräch mit Eckart von Hirschhausen: „Unser Lebensstil ist tödlich“

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Camilleri's blut kommt in wallung

Ein besonderer Tag insofern, als der Herr Innenminister vor Ort war. Er hatte die Insel Lampedusa besucht, deren Aufnahmezentren (man genierte sich tatsächlich nicht, die Flüchtlingslager so zu nennen!) nicht einmal mehr für einen vier Wochen alten Säugling Platz hatten. Sardinen in der Dose hatten mehr Bewegungsfreiheit. (6)

Allein wenn Montalbano den Signori e Ministro im Fernsehen sah, geriet sein Blut in Wallung. Kaum auszudenken, was passierte, wenn er ihm persönlich selber begegnen würde. (7)

Das hat Andrea Camilleri in seinem Krimi „Una lama di luce“ schon 2012 geschrieben!

© 26.08.2019 brmu
aus: Andrea Camilleri: Die Spur des Lichts – Commissario Montalbano stellt sich der Vergangenheit, Lübbe 2017

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Handke: ungeschickt?

Aber unsereiner … wir sind von Grund auf Laien, ungeschickt. Auch in der Literatur. In der Literatur gibt es fast nur noch Geschickte, Profis. Ich bestehe auf dem Laientum. Auf dem Ungeschick. Man müsste ein Gesetzt gegen Könner erlassen. Ich würde es sofort befürworten.1

© 20.08.2019 brmu
1zitate aus: DIE ZEIT Nr. 18 v. 25.4.2019, Feuilleton, Peter Kümmel im Gespräch mit Peter Handke: „Die Geschichte ist ein Teufel“

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ach, alter mann

Und wenn ein alter Mann glaubt,
dass er bald sterben wird,
schüttet er,
sobald man ihm zu schreiben erlaubt,
sein Herz auf Papier aus.1

 

Auster, warum nur alte männer
was ist das mit dem gender
dürfen es auch frauen sein
Siri schreibt doch auch so fein

ach, leser/*in, was soll denn das
ich bin nun mal ein altes fass
aus manngegährter welt
nimmer trifft mich deine schelt‘

hört, sprach der rezensent
lasst dem autor doch am end‘
seine freie schreiberheiten
andre mögen sie gern weiten

so bleibt es denn bei männe
bevor der start‘ zu flenne
schreibt der sichtlich hier
sein herze auf‘s papier

© 13.08.20198 brmu
1 aus: Paul Auster: Reisen im Skriptorium, Rowohlt 2007, seite 153, zeilenumbruch brmu

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Hannahs punkt für punkt

[ohne Titel]

Ich bin ja nur ein kleiner Punkt
nicht grösser als der schwarze
der dort auf dem Papiere prunkt
als Anfang zum Quadrate.

Wenn ich mich sehr erweitern will,
beginn ich sehr zu klecksen,
mit Stift und Feder, Blei und Tint
die Umwelt zu behexen.

Doch bin ich nur ein kleiner Punkt
nicht einmal gut geraten,
wie der auf dem Papieren prunkt
als Anfang zu Quadraten.

© 09.08.20198 brmu
aus: Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte, Piper 2015, seite 42

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du nicht

Nicht daß du dir gerade von diesem Buch etwas Besonderes versprichst. Du bist einer, der sich grundsätzlich nichts mehr von irgend etwas verspricht. So viele andere, jüngere und weniger junge als du, leben noch in der Erwartung, daß ihnen etwas Außergewöhnliches widerfährt, durch Bücher, durch Menschen, durch Reisen, durch Ereignisse oder durch das, was der nächste Tag bringen wird. Du nicht. Du weißt, daß man bestenfalls hoffen kann, das Schlimmste zu vermeiden.

altes taschenbuch mit alter orthographie mit aktuellen erkenntnissen.

© 08.08.20198 brmu
aus: Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht, dtv TB 10516,1986, 14. auflage 2004, seite 8

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weltinstrumente


nur in der Welt sind die Instrumente zu finden,
an denen die Welt sich messen lässt. …

© 07.08.20198 brmu
aus: Anton L. Leitner: Wörter kommen zu Wort, Patmos - Artemis&Winkler 2002, seite 123, dort: gedicht von Michael Krüger: Wind

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die brut der literaten

An guten wie an schlechten Tagen wetterte der kleine Mann mit den zerzausten Haaren mit Vorliege gegen die dreiste Brut der lebenden Literaten, die nichts Besseres zu tun hatte, als stets neue Bücher zu produzieren. Dabei gab es doch schon so viele Bücher, ein riesiges Meer an Schriftstücken, das längst über die Ufer des menschlichen Fassungsvermögens getreten war. Und selbst wenn man aus diesem Meer nur diejenigen Werke herausfischte, die bereits bei Erscheinen frenetisch gefeiert wurden, wollte sich keine rechte Verbesserung einstellen, weil, …, inzwischen der Umschlag jedes neu erschienen Buches voll war mit den Stellungnahmen befreundeter, oder wenn nicht befreundeter, so wenigstens freundlich miteinander bekannt gemachter Autoren, die sich gegenseitig bescheinigten, außerordentliche Genies zu sein und unübertreffliche Meisterwerke geschrieben zu haben. Die meisten dieser Bücher landeten früher oder später in einer Bananenkiste …

der kleine mann heißt Schulzen in dem roman und ist antiquar aus leidenschaft. ob er recht hat, angesichts der vielen schreibschulen und schulen des schreibens? will man dran bleiben, reichen die regale nicht.

© 04.08.20198 brmu
aus: Anselm Oelze: Wallace, Schöffling 2019, seite 99

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projektionen

Das, was ich notiere, ist nur eine Projektion meines Lebens, es ist weniger und doch gleichzeitig mehr, als ich selbst bin, wie auch die gesprochene Sprache immer mehr ist als ihre schriftliche Widergabe, die aber auf der anderen Seite doch vielleicht eine tiefere Wirklichkeit aufzeigt, ebenso wie eine Landkarte niemals die tatsächliche Landschaft selbst darzustellen vermag.

ohne eignes nichts anderes!
oder:
fake = fiktion + faktenform?

© 02.08.20198 brmu
aus: Norbert Scheuer: Winterbienen, C.H.Beck 2019, s. 60

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überhäufte gedanken

Man überhäuft im Nachhinein so vieles mit Gedanken, die einem nicht kamen, als die Digne sich ereigneten. (77)

Eines Tages wird hier kein Haus mehr stehen und keine Strand mehr sein. Früher sei das Meer viel tiefer gelegen, behaupten die Leute. Es steigt unmerklich, von Stunde zu Stunde, solange, bis es das gesamte Land verschlingt. Es wird alles überleben und unsere Zeit als bloßes Zwischenspiel erscheinen lassen. Die Flut wird alles überschwemmen, die Klippen, das Hochland, die ganze Insel. (140/141)

das sind angesichts der klimaveränderungen dystopische gedanken, aber im vorhinein.

© 26.07.20198 brmu
aus: Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer, Hanser 2019

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die frage ist ...

Die Frage ist, ob die Menschen als Opfer ihrer eigenen kollektiven Effekte – wie etwas Kriege und ökologische Katastrophen – die Ideale und Praktiken der Aufklärung aufgeben, zivilisatorisch untergehen und wieder in eine Art „Naturzustand“ eintreten oder ob sie zu einem handlungsfähigen Subjekt zusammenwachsen. Gegenwärtig scheinen sie sich gerade daran gewöhnen zu wollen, wieder ohne ihre Ideale der Wahrhaftigkeit du Gewaltfreiheit zu leben.

ein individuum kann sehr intelligent sein und die komplexität des weltgefüges verstehen, die menschheit als menschenmasse nicht. vom einzelnen zu allen gibt es immer ein beängstigendes gefälle. daher der trick mit dem begriff des „handlungsfähigen Subjekt“, darin streckt die hoffnung, dass irgendwann mit geeigneten mitteln auch eine menschenmasse intelligent handeln kann. das hat den charme einer utopie oder den graus einer dystopie. es hängt von den geeigneten mitteln ab. Platon lässt grüßen.

© 25.07.20198 brmu
aus: Michael Hampe: Die Dritte Aufklärung, NP&I 2019, seite 20

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über den tod hinaus

Sie haben drüben auf der anderen Teichseite oft auf der Bank unter der Eiche gesessen und sich ihr Weltbild zusammengezimmert. Zum Schluß sind sie auf einen Kreis gekommen. So ein Mensch beschreibt einen Kreis. … Wobei das Leben nur der ein Halbkreis ist, die Zeit nach dem Leben ist die andere Hälfte. Die Verantwortung reicht über den Tod hinaus. (20)

„Ich glaube“, sagte er, „wir hätten anders leben müssen. Wir sind den einfachsten Weg gegangen, haben von der Kohle gelebt wie von Gott gewollt. Und wir haben nicht gemerkt, wie wir uns den Boden unter den Füßen weggraben. Immer betraf es die anderen. Wir hinterlassen eine Wüste, …(136)

kommissar Bruno Bollhaben ermittelt in der braunkohleregion in drei mordfällen und streift dabei einige erkenntnisse.

© 22.07.20198 brmu
aus: Matthias Körner: tödliche wasser, Gustav Kiepenheuer Verlag 2003, (seitenangabe s.o.)

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krise folge eines mangels

Die Krise ist Folge eines Mangels an ethischem Bewusstsein. Daher brauchen wir eine neue Sichtweise, bei der Ethik und Moral, wenn nicht einen höheren, so doch einen gleichrangigen Stellenwert wie Profit und Gewinn erhalten. Und dies in allen Bereichen: von der Wirtschaft bis zur Industrie. Reicht das?

es wäre zumindest ein anfang!

© 22.07.20198 brmu
aus: Andrea Camilleri: Aussetzer, Kindler 2015, seite 65

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wer bist du?

wer schreibt, kommt wohl irgendwann in eine identitätskrise, fragt sich, was sache ist, wie der ehemalige lyriker und jetzige krimiautor Daniel Quinn, der in die rolle des angeblichen privatdetektivs Paul Auster schlüpft, der sich aber als schriftsteller entpuppt, beschrieben von seinem namenlosen freund, den „ich“-erzähler in dem ersten teil der New York Trilogie des autors Paul Auster:

Und dann, das wichtigste von allem: mich erinnern, wer ich bin. Mich erinnern, wer ich sein soll. Ich glaube nicht, daß das ein Spiel ist. Andererseits ist nichts klar. Zum Beispiel: Wer bist du? Und warum, wenn du es zu wissen glaubst, lügst du weiter? Ich weiß keine Antwort. Alles, was ich sagen kann, ist dies: Hören Sie mir zu. Meine Name ist Paul Auster. Das ist nicht mein richtiger Name.

© 21.07.20198 brmu
aus: Paul Auster: Die New York-Trilogie, Stadt aus Glas, rororo TB 12548, 2008, 27. auflage, seite 53

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er mochte karge gedichte

was tun, wenn die altersbedingte schlafunterbrechung so zwischen zwei und drei einen im bett in die sitzposition zerrt, kissen im rücken, in gähnender leere atmend? Resonanz suchen!

Er versuchte, sich in den Schlaf zu lesen, wurde aber nur ruheloser. Er las Wissenschaftliches und Lyrik. Er mochte karge Gedichte, die minuziös ins Weiße platziert waren, ins Papier gebrannte Reihen alphabetischer Anschläge. Gedichte machten ihm bewusst, dass er atmete. Ein Gedicht legte Dinge im jeweiligen Augenblick offen, auf deren Wahrnehmung er normalerweise nicht vorbereitet war. Darin lag die Nuance jedes Gedichtes, zumindest für ihn, …

aus: Don DeLillo: Cosmopolis, Kiepenheuer&Witsch 2003, seite 15

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zufluchtsätze

Wer von einem Roman erwartet, dass er das ganze Gewicht unserer geistesgestörten Gesellschaft trägt, dass er zur Lösung unserer Probleme beiträgt, scheint mir einem typisch amerikanischen Irrglauben1 zu erliegen. Sätze von einer solchen Wahrhaftigkeit zu schreiben, dass man in ihnen Zuflucht finden kann – ist das nicht genug? Ist das nicht sehr viel?

© 22.03.20198 brmu
aus: Jonathan Franzen, anleitung zum einsamsein - essays, rowohlt Paperback 2002

1 im "globalen dorf" sind die irrenden mit ihrem glauben ebenfalls global und nicht provinziell! (brmu)

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weltgeisterei

Er ist allein mit dem Weltgeist. Und der ist ins Taumeln geraten.

Dass in einer überraschenden Wendung der Geschichte aus der gegebenen Machtverteilung ein neues, gerechtes Miteinander der Menschen hervortreten könnte, auch ein wohltätiges Leben und Wirtschaften mit der Natur statt von ihr, hält er am Ende des zweiten abendländischen Jahrtausends für eine ebenso notwendige wie realistische Utopie. (141)

Schöpfe den Ozean aus, Dichter! Nagle den Fels an den Gipfel, Sisyphos! (142)

Er muss nur weiter daran arbeiten und den Argwohn verdrängen, dass der Fels ihn schon in die Tiefe gerissen begraben hat. (143)

Es ist eine schöne saubere Bedschäftigung, die Verarbeitung des Drecks der Gesellschaft zu Edelmetall. (141)

© 28.02.20198 brmu
zitate aus: Erasmus Schöfer, Der gläserne Dichter, Dittrich 2010

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ver.lust.gedächtnis

Die menschliche Universalintelligenz, trotz ihrer mächtigen, exponentiell wachsenden Informationsspeicher, erlitt ständig … Gedächtnisverluste. Es war einfach unmöglich, alle einmal gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen der Menschheit, selbst nur eines Menschen, gegenwärt zu halten – vielmehr fand im Individuum wie im Kosmos ein unablässiges Aufsteigen und Absinken statt, in das auch er mit seinem persönlichen Informationsspeicher eingebunden war. (116/117)

© 28.02.20198 brmu
zitate aus: Erasmus Schöfer, Der gläserne Dichter, Dittrich 2010

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satz 1

Künstlerische Selbstständigkeit! Schnurren! Beruht doch schon der erste Satz eines neuen Werks auf einem Ein-Fall, einem An-Stoß, von irgendwoher gegeben, zu dem das Ich ja sagt (oder nein), um dann sich weiterzuschwingen durch die gelenkige Dialektik von eigner und historischer Erfahrung, von egologischem Drang und unausweichlichem WeltDruck. (107/108)

© 28.02.2019 brmu
1zitate aus: Erasmus Schöfer, Der gläserne Dichter, Dittrich 2010

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rettungsanker poesie?

… man kann sich den Rettungsanker nicht aussuchen, wenn man in Not ist. (91)

Weil es ganz schön schwerfällt, jemand anderem zu erklären, warum einem ein Buch gefällt. Ich schaffe das nicht immer. Wenn ich manche Bücher ausgelesen habe, fühle ich mich … ich weiß auch nicht. Sie lassen mich nicht mehr los, aber ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. (66)

…und die Leute sollen die Bücher einfach selber lesen. (66)

Was die Poesie angeht … die ist mir zu kompliziert, ein beschwerlicher Weg, der manchmal nirgendwohin führt. (139)

Das Leben ist nicht wie eine Mandel, du findest das Beste nicht, in dem du erst die Schale und dann die Haut entfernst. (139)

Wenn man die Dinge nur oft und intensiv genug betrachtet, sagte er immer wieder, kann man den Schlüssel zur eigenen Existenz entdecken. (139/140)

© 06.02.20198 brmu
aus: Christine Féret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, DuMont 2018

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kopfinhalt

Was immer wir schreiben – ein Gedicht, eine Geschichte -, kann nur den Inhalt unseres eigenen Kopfes, … sichtbar machen.

© 14.01.2019 brmu
1zitate im schrägdruck aus: Christoph Ransmayr, Cox oder Der Lauf der Zeit, Fischer TB19663, 2016, seite 125; änderungen im normaldruck

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langsamkeit und zeit

Denn nur, wer den Luxus der Langsamkeit genießen konnte, durfte sich in dem Traum wiegen, das kostbarste aller menschenmöglichen Güter zu besitzen: Zeit.

© 08.01.2019 brmu
aus: Christoph Ransmayr, Cox oder Der Lauf der Zeit, S. Fischer Verlag 2016, 270

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literatur ist widerspruch

Man kann, wenn man Literatur ernst nimmt, rasch in Widerspruch zur Welt geraten, im Grunde in Widerspruch zum Missglücken der Welt, wie sie sich zeigt, wenn wir sie nicht lesen können.

© 11.12.2018 brmu
aus: Robert Manesse, Was ist Literatur? – Ein Miniatur-Bildungsroman, Bernstein Verlag 2015

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ich-menge-masse

Was wir als Einzelne sind, sind wir nicht in Gruppen, in Banden, in der Masse. Wir verändern uns, tragen eine andere Maske, einen anderen Panzer. Die Masse hat einen eigenen Rhythmus, einen eigenen Atem, eine eigene Art, die Dinge zu betrachten. Sie stutzt zurecht und schneidet den Einzelnen die Zunge heraus. In der Einheitlichkeit fühlt sie sich unbesiegbar, und weil sie unbesiegbar ist, fordert sie Einheitlichkeit.

Shumona Sinha, Assomons les pauvres - Erschlagt die Armen, Nautilus 2016, 103

Gefunden: 20.11.2018 brmu

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der roman ist ...

Alles Geschriebene bildet eine Ausfällung wie eine chemische Flüssigkeit, die zunächst klar, unschuldig und neutral war, aus der aber, nur durch die einfache Tatsache der Dauer, eine ganze darin gelöste Vergangenheit ausgefällt wird wie eine dichter und dichter werdende Geheimschrift. (24)

Der Roman ist ein Tod; er macht aus dem Leben ein Schicksal, aus der Erinnerung einen nützlichen Akt und aus der Dauer eine gelenkte bedeutungsvolle Zeit. (48)

Es besteht also eine Sackgasse der Schreibweise, es ist die Sackgasse der Gesellschaft selbst. (100)

Wie die gesamte moderne Kunst trägt die Literatursprache zugleich die Entfremdung der Geschichte und den Traum der Geschichte in sich. (101)

Roland Barthes, Am Nullpunkt der Literatur, Bibliothek Suhrkamp 1982, Bd. 762, seitenzahl

© 24.07.2018 brmu

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Freund dichtet

Wissen Sie – bei meinen guten Gedichten war es so – sie wussten mehr als ich. Sie haben Türen geöffnet, hinter denen Räume lagen, von denen ich selbst nichts wusste. (19)

Schreiben ist meine Art zu denken. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, es sei denn, auf Papier. (45)

Das, was mich am meisten daran hindert, in der Glückseligkeit des Seins aufzugehen, sind Worte. … Ist doch Wahnsinn, womit einen Worte die ganze Zeit quälen! Wir dürfen keine Namen geben. Damit beginnt der Irrweg. Schon mit der Benennung. Es geht nicht um die Benennung, nicht um die Bezeichnung. Nicht einmal um das Bezeichnete!!! (75)

Ich kann nicht schreiben über das Leben wie ein Forscher einen Frosch seziert. … Es geht um Realität. Wirklichkeit. (89)

Er dachte nicht daran, zu schreiben, er konnte ohnehin nur schreiben, wenn er allein war. Oder allein in einer Masse, also im Zug oder in einem Lokal. (109)

Manchmal wunderte er sich selbst darüber, welche Gedanken er absonderte. (110)

Der Gedanke allein, etwas zu tn, damit es einen inspiriert, ist schon völlig verkehrt. (113)

Wie konnte ich vergessen, dass wir aus einer anderen Welt kommen und in eine andere Welt gehen? Wie konnte ich vergessen, dass es meine Aufgabe ist, vom Durchschimmern dieser Welt zu berichten? (116)

… gereimte Gedichte entsprechen den Anforderungen der Zeit nicht. (119)

Ein Gedicht, hat er gesagt, ist nicht dazu da, verstanden zu werden. Jedenfalls nicht mit dem Verstand. (139)

Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug. (157)

Im Grunde, …, hab ich für Dichter überhaupt nichts übrig. Die meisten Gedichte entstehen nur, weil irgendwer zu wenig Sex hat. (204)

© 17.09.2018 brmu
zitate zum thema „dichten“ aus: René Freund, Liebe unter Fischen, Deuticke 2013, (seitenangaben)

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wutbürger

keiner schließlich
hat es gewollt

wutbürger durch die straßen trollt

jeder schließlich
hat es getan
tief in seinem wutbürgerwahn

das hört sich an wie lüge
und ist es auch
mitten aus dem wutbürgerbauch

© 01.09.2018 brmu
gedichtzitat im schrägdruck aus: Ernst Jandl, Liebesgedichte, Insel 2015, it 4379, s. 96 gedicht: „nach altem brauch“

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toast | er

und wenn sie ihn küßt
dann wird sie eben
auch whiskey küssen

und wenn sie viel küsst
dann wird sie eben
auch schwanken müssen

und wenn sie ihn nicht küßt
dann wird er eben
ohne kuß trinken

wenn beide sich küssen
sie dessentwegen
ihr leben schminken

© 01.09.2018 brmu
zitat im schrägdruck aus: Ernst Jandl, Liebesgedichte, Insel 2015, it 4379, s. 107, gedicht „toast“

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schreiben scheint nichts

Ich habe unter Leuten zu schreiben begonnen, die mich streng zum Schamgefühl erzogen. Schreiben galt ihnen noch als moralisch. Heute scheint Schreiben recht oft nichts mehr zu sein. Manchmal weiß ich: wenn das Schreiben nicht, alle Dinge vereinend, ein flüchtiges Sprechen in den Wind ist, so ist es nichts. Wenn das Schreiben nicht jedesmal alle Dinge zu einem einzigen, seinem Wesen nach Unbestimmbaren vereint, so ist es nichts weiter als Werbung. Meist aber habe ich keine Ansicht, ich sehe, daß alle Bereiche offenliegen, daß es keine Mauern mehr gibt, daß das Geschriebene nirgends mehr einen Ort findet, sich zu verbergen, zu entstehen, gelesen zu werden, daß seine fundamentale Anstößigkeit nicht mehr respektiert wird, doch weiter denke ich nicht.

© 28.08.2018 brmu
zitat aus: Marguerite Duras, Der Liebhaber, Suhrkamp 1992, Bibliothek Suhrkamp Bd. 967, 15

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intelligenz ist, wenn ...

„Intelligenz besteht darin, dass man in einem neuen Zustand die Essenz der Sache ziemlich schnell finden kann und imstande ist, zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht wichtig ist.

… man kann sie nicht lehren. Man kann aber dennoch von vielen anderen Menschen lernen, vor allem, wenn die Schule oder die Familie oder der Einfluss von Freunden sehr reich an Wissen ist.“

© 31.07.2018 brmu
quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, „Immer froh, wenn Computer scheitern“, Michael Hesse interviewt Prof. Dr. Douglas Hofstadter, Autor von "Gödel, Escher, Bach" und "Die Analogie: Das Herz des Denkens"

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warum ein buch gefällt

Dieses Buch ist wunderbar.
Es macht Sie intelligent.
Es macht Sie glücklich.

es fällt ganz schön schwer, "jemand anderem zu erklären, warum einem ein Buch gefällt. Ich schaffe das nicht immer. Wenn ich manche Bücher ausgelesen habe, fühle ich mich … ich weiß auch nicht. Sie lassen mich nicht mehr los, aber ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. So hingegen sage ich alles in ein paar Worten, und die Leute sollen die Bücher einfach selber lesen.“

© 31.07.2018 brmu
quelle: Christine Férret-Fleury, Das Mädchen, das in der Metro las, DuMont 2018, seite 63 (schrägdruck im original) u. seite 66

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Modick kanalisiert

Mit irgendetwas muss man schließlich anfangen, auch wenn’s schwerfällt. Der Anfang fällt deswegen schwer, weil er den ersten Spatenstich jenes Kanals bildet, der aus dem Ozean des Möglichen und Unerzählten eine Geschichte oder einen Roman oder auch nur einen kargen Bericht wie diesen ableiten will. Und wenn dann der Autor als Kanalarbeiter an der falschen Stelle zu graben beginnt und statt auf den Ozean schließlich auf die trüben Teiche namens Alles-schon-mal-dagewesen trifft – gar nicht auszudenken.

Über den raffinierten und tiefen Doppelsinn der letzten drei Worte bitte ich Sie einen Moment zu meditieren. Gar nicht auszudenken! Ja, eben! Die besten Geschichten kann man sich gar nicht ausdenken. Sie liegen auf der Straße …1

was will uns Modick kanalisieren?

dudengemäß ginge es um eine gezielte problemlösung, indem etwas in bestimmte bahnen oder richtungen gelenkt würde..

und welches wäre das problem?

vielleicht geschmeidigkeit der texte für die leserschaft zwecks lustkauf.

Also gier nach  auflagengröße und umsatz durch ruhm und medienpräsenz oder umgekehrt?

was wäre dagegen einzuwenden?

alles! schreiben, das den massengeschmack bedient, weitet keine horizonte.

dorten kann man sich verlieren, in der weite.

genau, man kommt sich aber auch nicht ins gehege, die selbstverschuldete müdigkeit des denkens.

© 24.07.2018 brmu
1 Klaus Modick, Bestseller, KiWi 2015, seite 13/14

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bier | hoff | entlich nicht

… erklärte aber auch sehr deutlich, dass die Nationalmannschaft als „cash cow“ weiter intensiv gemolken werden muss, … Eine entsprechend umfassende Vermarkung sei deshalb notwendig.1

bier vernebelt, hoffnung auch
beides führt zur melkbaren kuh
kohle machen ein schöner brauch
lass dabei den sportsgeist in ruh!

© 23.07.2018 brmu
1 zitat aus Kölner Stadt-Anzeiger, Ch. Müller, Löw und Bierhoff überzeugen den DFB

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