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Don DeLillo und Gedichte

Er versuchte, sich in den Schlaf zu lesen, wurde aber nur ruheloser. Er las Wissenschaftliches und Lyrik. Er mochte karge Gedichte, die minuziös ins Weiße platziert waren, ins Papier gebrannte Reihen alphabetischer Anschläge. Gedichte machten ihm bewusst, dass er atmete. Ein Gedicht legte Dinge im jeweiligen Augenblick offen, auf deren Wahrnehmung er normalerweise nicht vorbereitet war. Darin lag die Nuance jedes Gedichts, zumindest für ihn, nachts … (15)

Er schmökerte immer in dünnen Büchern, einen halben Finger breit oder weniger, und wählte Gedichte zum Lesen nach Länge und Breite aus. Er suchte nach Gedichten von vier, fünf, sechs Zeilen. Er analysierte solche Gedichte genau, dachte sich in jede Andeutung hinein, und seine Gefühle schienen in dem weißen Raum um die Zeilen herumzuschweben. Es gab Zeichen auf den Seiten und es gab die Seite selber. Das Weiße war lebenswichtig für die Seele des Gedichts. (72)

wem sagt er das
atmen im bunten bett
weg die welt die wilde
und der augenblick
im dürren versgeäst
wem sagt man das

© 14.10.20198 brmu
aus: Don DeLillo, Cosmopolis, Kiepenheuer & Witsch 2003

 

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