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von Düffel gelesen

Alles, was ich zu sein glaube, ist Fiktion. (31)

Jeder Mensch ist der Autor und erste Leser seiner eigenen Geschichte.(31)

Das ist ein unausweichlicher Prozeß, der im übrigen die Illusion des authentisch Autobiographischen völlig zunichte macht, denn beim Erzählen werde ich jemand, ich produziere mich als Erzählfigur und entwerfe ein bestimmtes Bild von mir. (31)

Das heißt also, während wir einen Brief verfassen, einen Roman schreiben, unsere Lebensgeschichte erzählen, passiert etwas mit uns, eine Verwandlung. Wir können gar nicht umhin, uns zu erfinden. Im Erzählen, im Spiegel unserer Sprache entwerfen wir eine Figur, mit der wir nicht identisch sind. (32)

Jede autobiographische Äußerung spielt unweigerlich hinein in die Auto-Fiktion. (33)

Wer hat eigentlich die Autorität über die Interpretation dieser Geschichte, ist es der Autor oder der Leser? (37)

Ich bin kein Freund des rein Autobiographischen, weil meines Erachtens das Entscheidende an einem guten Buch, an einem Kunstgewerk nicht nur ist, daß es Erfahrungen beschreibt, sondern daß es in gewisser Weise auch Erfahrungen hervorbringt. Das heißt, ein großer Roman besitzt nicht nur einen reichen Erfahrungsgehalt, er konstituiert Erfahrung. Der Prozeß, ihn zu lesen, ist gleichsam ein Prozeß, ihn zu leben. Ein guter Roman nimmt seine Leser mit auf eine Reise, sie verändern sich im Lesen, bekommen einen andern Blick auf sich und die Welt. (38/39)

In meinen Augen ist das ein Kriterium für ein reiches, gutes Leben und einen reichen, guten Roman, daß darin ein Prozeß der Veränderung sichtbar, spürbar, erfahrbar wird. (39)

Es drängen sich Fragen auf:

War letzteres nicht ein Teil der Definition einer Novelle: Lebenssituation – Krise – Wendepunkt – Katharsis - neue Lebenssituation?

Warum ist die Novelle so unterrepräsentiert im Literaturbetrieb?

Hat John v. Düffel Novellen geschrieben?

Warum stürzen sich alle auf Romane?

Wird da vielleicht auch gerne schwadroniert und illusioniert und das Einfache breitgewalzt in tausenden von Worten?

Kann sein, denn die Novelle ist eine kurze Angelegenheit in Ortheils Lesekapsel.

© 25.03.2020 brmu
Zitate aus: John von Düffel, Wovon ich schreibe, DuMont 2009 (Seitenangabe)
Lesekapsel: Hanns-Josef Ortheil, Lesehunger, Luchterhand2009, S. 10

 

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